Fieber mit Filmen

Im halb ausgestandenen Fieber finden sich hin und wieder die erstaunlichsten Verbindungen. So habe ich gestern auf dem Krankenbett zwei Filme gesehen, die eine quasi mystische Verbindung eingegangen sind: Alejandro Jodorowskis “The Rainbow Thief” und Wenzel Storchs “Die Reise ins Glück”.

Peter O'Toole als Milheagre und Omar Sharif als Dima

Peter O'Toole als Milheagre und Omar Sharif als Dima

Im Ersten geht es um einen alten Gauner (leicht überzogen dargestellt von Omar Sharif), der sich aus Eigennutz um einen Sterndeuter, Milheagre, kümmert, der angeblich Millionen erben soll. Da die anderen Erbberechtigten Milheagre nach dem Leben trachten, muss er sich in der Kanalisation verstecken, wo ihn der Gauner, Dima, mit allem Nötigen versorgt. Letzten Endes stellt sich heraus, dass Milheagre nach alchemistischen Prinzip versucht hat, Dimas Seele zu veredeln. Der Stein der Weisen wäre demnach das Mitleid und die Zuneigung, die Dima für seinen Herrn verspürt. Am Ende nämlich versucht Dima Milheagre vor einer Überschwemmung aus der Kanalisation zu retten. Kurz zuvor jedoch ist er fast soweit, auf einem Schiff anzuheuern, dessen Kapitän Gustav heißt.

Jürgen Höhne als Kapitän Gustav beim Landgang

Jürgen Höhne als Kapitän Gustav beim Landgang

Auch bei Wenzel Storch heißt der Kapitän Gustav. Hier hat die Geschichte aber ein anderes Vorzeichen. Kapitän Gustav rettet als Kind einen Jungen namens Knuffi vor dem Ertrinken. Nachdem sie sich über eine Frau zerstritten haben, verlieren sie sich aus den Augen und treffen sich erst viel später wieder. Gustav ist Kapitän und Knuffi der despotische Herrscher eines Inselstaates. Nach mehreren Verwicklungen und Beweisen für Knuffis Grausamkeit und Verkommenheit gelingt es Kapitän Gustav mit einer Zeitmaschine sein junges Selbst davon abzuhalten, Knuffi zu retten. Der zukünftige König Knuffi ersäuft noch als unschuldiges Kind (Das allerdings schon erste Anlagen seines späteren Selbst zeigt).
Bei Jodorowski heißt es, das eigene Seelenheil steht über allem, das glückliche Ende besteht darin, den Gauner geläutert zu haben. Die Millionen bekommt übrigens das Lieblingsbordell des reichen Erbonkels. Bei Storch heißt es auf der anderen Seite, dass eine moralisch falsche Handlung nichtsdestotrotz das Richtige sein kann.
Die Frage, die durch beide Filme aufgeworfen wird, ist also eine Frage der Ethik: Entscheidet das Resultat darüber, wie eine Handlung zu beurteilen ist, oder ist die Handlung selbst zu bewerten? Als Materialist tendiere ich eher zu Wenzel Storchs Variante der teleologischen Ethik, die Krux ist nur, dass er eine Zeitmaschine braucht, damit der Mord an dem Kind Knuffi als das moralisch Richtige zu erkennen ist. Was also tun ohne Zeitmaschine?
Und stellt man sich solche Fragen auch, wenn man nicht gerade mit Fieber im Bett liegt?

Hinterlasse einen Kommentar

The Watchmen, eine Verfilmung für die Tonne

Im Grunde genommen gibt es nichts leichteres, als einen Comic zu verfilmen, könnte man denken. Immerhin ist das Storyboard ja schon fertig. Jetzt muss man nur hie und da noch ein bisschen nachdenken, wie man die Bilder in die Kamera kriegt, aber mit dem Fortschritt der CGI ist auch das kein allzu großes Problem mehr. So jedenfalls scheint Zack Snyder an die Verfilmung von Watchmen rangegangen zu sein. Viel werktreuer kann man ein Buch gar nicht verfilmen.

The Watchmen

The Watchmen

Huch, hab ich Buch gesagt? Aber es ist doch nur ein Comic! Mitnichten. Im Gegensatz zu vielen anderen Comics, die auf diese Weise verlustfrei zu verfilmen wären, ist Watchmen eigentlich ein Buch. Viele andere Comics funktionieren tatsächlich wie ein Screenplay, weil sie der Grammatik von Film folgen. Watchmen tut das aber nicht und hat deswegen auch zu Recht Auszeichnungen abgesahnt, die ansonsten Büchern vorbehalten sind.

Beispiele: Watchmen ist viel komplexer arrangiert, als es einem Film gut tut, die vielen Rückblenden bilden ein extrem verschachteltes Werk. Watchmens Bilder müssen länger betrachtet werden, da vieles im Hintergrund geschieht und vor allem dort die hoffnungslose Atmosphäre produziert wird, das diesem Kind der 80er Jahre eigen ist. Die Sympathie für bestimmte Charaktere wird immer wieder gebrochen und ins Gegenteil verkehrt. Damit dieser Prozess funktioniert, braucht der Leser Zeit, um sich mit den Charakteren auseinander zu setzen.

Dass die Geschichte von Watchmen Zeit benötigt, die der Film nicht hat, weil er sich weigert, die Geschichte nach den Regeln des Films umzugestalten, ist das Problem. Das Resultat ist Langeweile. Denn was am Comic berührt, Atmosphäre und Charaktere, geht im Film verloren. Bilder im Film, zumal in einem eher actionlastigen wie Watchmen, bleiben nicht lange genug sichtbar, um die vielschichtige Betrachtung zuzulassen, die im Comic nötig war. Ersetzt wird die paranoide Atmosphäre durch nichts, außer ein paar expliziten Gewalteinlagen. Die sind aber kaum genauso wirkungsvoll. Auch die Charakterzeichnung braucht mehr Zeit, weil sie wie in einem Buch vor allem über Details und Zwischentöne funktioniert. Snyders akkurate Übertragung der Bilder ins Medium Film ist auch hier wieder zu schnell, als das sie funktionieren könnte. Resultat: die Charaktere funktionieren nicht mehr, der Film wird langweilig.

Natürlich hätte man The Watchmen wunderbar verfilmen können. Nur hätte man sich unbedingt von der Werktreue verabschieden müssen und genauso selektieren und übersetzen müssen, wie es bei einer Romanverfilmung nötig wäre. Nur hat sich der Regisseur davon täuschen lassen, dass ein Comic bebildert ist. Schade, diese Verfilmung ist jetzt für die Tonne.

Hinterlasse einen Kommentar

Weg von der Gitarre!

In einem Interview von 1987 erklärt Fred Frith über Hans Reichel, er sei haltungsmäßig eher der New-Age-Musik zuzuzordnen, als der Freien Musik. Mal abgesehen davon, dass Frith ihn damit von den anderen Musikern aus Wuppertal abheben möchte, mit denen Reichel zu Unrecht in einen Topf geworfen wird, erklärt er damit auch, Reichels Musik sei nicht an Noise orientiert, wie Freie Musik für gewöhnlich.

Hans Reichel

Hans Reichel

Aber New Age? Instinktiv trifft Frith den Nagel auf den Kopf, obwohl er sich nicht ganz klar ausdrückt. Tatsächlich hat Reichels Musik eine esoterische Qualität. Esoterisch bedeutet “von innen betrachtet”, “innerlich”. Bezogen auf Reichels Gitarrenspiel ergibt das Sinn. Reichel kommt vom Klang zur Musik. Deswegen ist seine Musik auch durchaus in den Kategorien von Schönheit zu erfassen. Es ist keine Vorbildung notwendig, um “The Dawn of Dachsmann… plus” (übrigens auch von ‘87) zu hören und zu genießen.

Er sucht in seinem Spiel nach einer eigenen Klangwelt, deswegen wurde er auch zum Gitarrenbauer. Geleitet von seiner Vision eines Klanges, sucht er nach Möglichkeiten, diesen zu verwirklichen und baut deswegen Instrumente, die sich immer weiter von der Gitarre entfernen um so den Klang zu erlangen. Letzten Endes landet Reichel auf dieser Suche beim Daxophon, einem komplett selbst erfundenen Instrument, dessen Klang je nach Spielweise stark an die menschliche Stimme erinnert. Dafür komponiert er nun “Operetten”, die häufig eher lustig klingen, als überirdisch schön, wie sein anfängliches Gitarrenspiel.

Eine ganz ähnliche Entwicklung macht der Portugiese Rafael Toral, der sich auf der seiner Suche ebenfalls von der Gitarre entfernt hat, wenn auch in eine ganz andere Richtung. Torals Drones haben sich immer weiter von der Gitarre emanzipiert, sodass er irgendwann nur noch komplexe Feedbacksysteme aus miteinander verschalteten Effektgeräten baute. Dass dieser Weg natürlicherweise hin zu selbst erdachten elektronischen Intrumenten führt, ist nur folgerichtig.

Rafael Toral

Rafael Toral

Auch Torals Musik ist anfangs ganz einfach schön, er spielt klare, überbordende Drones auf seiner Gitarre, die vor allem von Feedback und miteinander interagierenden Effekten leben. Das lenkt sein Augenmerk auf den Geist in der Maschine, den er hörbar machen will. Also schaltet er die Gitarre aus und erzeugt Klang nur noch aus den (möglichst unkontrollierbaren) Effekten heraus. Letzten Endes baut er seine eigenen Rückkopplungsmaschinen, die vom Klang her an krude Synthesizer erinnern und aussehen wie winzige Verstärker oder Handschuhe. Auf diesem Weg wird er übrigens wieder intellektualistisch, denn Torals Feedbackmusik bezeichnet er selbst als Space Program. Zum einen, weil er damit zu einer Auftrittskultur findet, die ihm sonst eher fremd war, zum anderen, weil das Feedback von den Verhältnissen und Dimensionen des jeweiligen Raums abhängig ist.

Beide, Reichel und Toral sind esoterisch in dem Sinn, dass sie ihre Musik von innen entwickelt haben, vom Klang her. Und beide haben diesen Weg mit einer Konsequenz verfolgt, der sie von ihrem angestammten Instrument, der Gitarre, zu bizarren, selbst erdachten Klangquellen gebracht hat.

Bei so vielen Gemeinsamkeiten frage ich mich nur noch: Wer stellt jetzt diese beiden zusammen auf eine Bühne?

Mitch

Homepage von Hans Reichel
Kurzbio, Diskographie und mp3s von Hans Reichel
Homepage von Rafael Toral

Hinterlasse einen Kommentar

Ältere Artikel »
Follow

Get every new post delivered to your Inbox.