In einem Interview von 1987 erklärt Fred Frith über Hans Reichel, er sei haltungsmäßig eher der New-Age-Musik zuzuzordnen, als der Freien Musik. Mal abgesehen davon, dass Frith ihn damit von den anderen Musikern aus Wuppertal abheben möchte, mit denen Reichel zu Unrecht in einen Topf geworfen wird, erklärt er damit auch, Reichels Musik sei nicht an Noise orientiert, wie Freie Musik für gewöhnlich.

Hans Reichel
Aber New Age? Instinktiv trifft Frith den Nagel auf den Kopf, obwohl er sich nicht ganz klar ausdrückt. Tatsächlich hat Reichels Musik eine esoterische Qualität. Esoterisch bedeutet “von innen betrachtet”, “innerlich”. Bezogen auf Reichels Gitarrenspiel ergibt das Sinn. Reichel kommt vom Klang zur Musik. Deswegen ist seine Musik auch durchaus in den Kategorien von Schönheit zu erfassen. Es ist keine Vorbildung notwendig, um “The Dawn of Dachsmann… plus” (übrigens auch von ‘87) zu hören und zu genießen.
Er sucht in seinem Spiel nach einer eigenen Klangwelt, deswegen wurde er auch zum Gitarrenbauer. Geleitet von seiner Vision eines Klanges, sucht er nach Möglichkeiten, diesen zu verwirklichen und baut deswegen Instrumente, die sich immer weiter von der Gitarre entfernen um so den Klang zu erlangen. Letzten Endes landet Reichel auf dieser Suche beim Daxophon, einem komplett selbst erfundenen Instrument, dessen Klang je nach Spielweise stark an die menschliche Stimme erinnert. Dafür komponiert er nun “Operetten”, die häufig eher lustig klingen, als überirdisch schön, wie sein anfängliches Gitarrenspiel.
Eine ganz ähnliche Entwicklung macht der Portugiese Rafael Toral, der sich auf der seiner Suche ebenfalls von der Gitarre entfernt hat, wenn auch in eine ganz andere Richtung. Torals Drones haben sich immer weiter von der Gitarre emanzipiert, sodass er irgendwann nur noch komplexe Feedbacksysteme aus miteinander verschalteten Effektgeräten baute. Dass dieser Weg natürlicherweise hin zu selbst erdachten elektronischen Intrumenten führt, ist nur folgerichtig.

Rafael Toral
Auch Torals Musik ist anfangs ganz einfach schön, er spielt klare, überbordende Drones auf seiner Gitarre, die vor allem von Feedback und miteinander interagierenden Effekten leben. Das lenkt sein Augenmerk auf den Geist in der Maschine, den er hörbar machen will. Also schaltet er die Gitarre aus und erzeugt Klang nur noch aus den (möglichst unkontrollierbaren) Effekten heraus. Letzten Endes baut er seine eigenen Rückkopplungsmaschinen, die vom Klang her an krude Synthesizer erinnern und aussehen wie winzige Verstärker oder Handschuhe. Auf diesem Weg wird er übrigens wieder intellektualistisch, denn Torals Feedbackmusik bezeichnet er selbst als Space Program. Zum einen, weil er damit zu einer Auftrittskultur findet, die ihm sonst eher fremd war, zum anderen, weil das Feedback von den Verhältnissen und Dimensionen des jeweiligen Raums abhängig ist.
Beide, Reichel und Toral sind esoterisch in dem Sinn, dass sie ihre Musik von innen entwickelt haben, vom Klang her. Und beide haben diesen Weg mit einer Konsequenz verfolgt, der sie von ihrem angestammten Instrument, der Gitarre, zu bizarren, selbst erdachten Klangquellen gebracht hat.
Bei so vielen Gemeinsamkeiten frage ich mich nur noch: Wer stellt jetzt diese beiden zusammen auf eine Bühne?
Mitch
Homepage von Hans Reichel
Kurzbio, Diskographie und mp3s von Hans Reichel
Homepage von Rafael Toral